Blog am 30. August 2021

Wichtige Neuerungen der S3-Leitlinie Prostatakarzinom - ein Interview mit Prof. Tobias Franiel

Wichtige Neuerungen der S3-Leitlinie Prostatakarzinom - ein Interview mit Prof. Tobias Franiel Das Prostatakarzinom ist weit verbreitet. Professor Tobias Franiel stellt im Interview wichtige Neuerungen der S3-Leitlinie Prostatakarzinom vor. Professor Tobias Franiel ist Oberarzt am Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Jena und Erstautor der 2021 publizierten, aktualisierten Empfehlungen zur Vorbereitung und Durchführung der multiparametrischen MRT (mpMRT) der Prostata.

Herr Prof. Franiel, was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Anpassung in der neuen Version der S3 Leitlinie?

Aus Sicht der Radiologie gab es mehrere positive und aufgrund der Datenlage auch dringend gebotene Anpassungen. Hervorzuheben ist die Rolle der mpMRT bei Biopsie-naiven Patienten, bei denen diese jetzt neu für die Primärdiagnostik empfohlen wird. Für Patienten, die im Rahmen der Primärdiagnostik mindestens einmal negativ biopsiert wurden und bei denen weiterhin ein Karzinomverdacht besteht, spricht die S3 Leitlinie neu eine starke Empfehlung für die mpMRT aus. Wichtig finde ich auch die starke Empfehlung, dass Patienten, die eine aktive Überwachung erwägen, vor der Indikationsstellung eine mpMRT erhalten sollen.

Können Sie uns bitte die wesentlichen Punkte der Qualitätsstandards zur Durchführung einer mpMRT der Prostata kurz zusammenfassen?

Mit den in der S3 Leitlinie referenzierten Qualitätsstandards haben wir es geschafft, in Abstimmung mit den Vorständen der DRG und des BDR die bestehenden Empfehlungen beider Berufsverbände zu aktualisieren und zu harmonisieren. Ein wesentlicher Teil ist das Untersuchungsprotokoll, bei dem die Sequenzen standardisiert wurden. Weitere für die Qualität der Untersuchung und Befundung wichtige Punkte sind Angaben zur Höhe des PSA-Wertes, zu vorherigen Biopsien, zu möglichen Risiken einer Kontrastmittelgabe und zu Implantaten. Als wesentlich erachte ich auch unsere Empfehlungen zur Untersuchungsterminierung und -vorbereitung.

Warum ist aus Ihrer Sicht die mpMRT das wichtigste Verfahren in der Diagnostik des Prostatakarzinoms?

Von allen verfügbaren bildgebenden Methoden zur Darstellung der Prostata ist die mpMRT am genauesten in der Diagnostik des Karzinoms und, genauso wichtig, mittlerweile sehr weit verbreitet. Dadurch ist der Zugang zu dieser Methode für alle Patienten in Deutschland gewährleistet.

Welche Rolle spielen die MRT Kontrastmittel und wie sollten sie angewendet werden?

Die MRT Kontrastmittel haben nach aktueller Studienlage unverändert eine zentrale Bedeutung für die MRT-Diagnostik des Prostatakarzinoms. Natürlich sollten die MRT Kontrastmittel entsprechend den aktuellen Leitlinien der ESUR eingesetzt werden, nach denen u.a. ausschließlich makrozyklische gadoliniumhaltige Kontrastmittel eingesetzt werden sollen. Als wesentlich erachte ich auch, dass die Empfehlungen der DRG und des BDR zur dynamischen Kontrastmittel-gestützten Sequenz eingehalten werden. Denn nur dann können sich die diagnostischen Vorteile der Kontrastmittelgabe voll entfalten.

Welche Auswirkungen haben die aktualisierten Empfehlungen und Anpassungen der S3 Leitlinien für die Patienten?

Nur positive, denn die Qualität der Versorgung von Patienten mit V.a. bzw. mit einem Prostatakarzinom wird sich für alle Patienten spürbar verbessern.

Worauf sollten Ihre niedergelassenen Kollegen bei der Bildgebung der Prostata achten?

Viele niedergelassene Kollegen führen die mpMRT der Prostata bereits qualitativ sehr hochwertig durch. Kollegen, die mit der Bildgebung beginnen wollen, würde ich die Q1/ Q2 Zertifizierungskurse der DRG und natürlich den Erwerb des Q1/ Q2 Spezialzertifikats der DRG empfehlen.

Wie sehen und beurteilen Sie die Wichtigkeit einer interdisziplinären Zusammenarbeit bei der Detektion und Behandlung des Prostatakarzinoms?

Dies erachte ich als sehr wichtig, denn nur gemeinsam kann man für den Patienten das Beste erreichen. In unserer Klinik werden alle Patienten mit einem Prostatakarzinom im Rahmen des interdisziplinären Tumorboards besprochen. Dieser Austausch fördert nicht nur die interdisziplinäre Zusammenarbeit, sondern auch das Verstehen der Erkrankung „Prostatakarzinom“.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Prostata Bildgebung entwickeln? Welche Rolle wird AI / automatisierte Befundung spielen?

Mit Sicherheit kann man davon ausgehen, dass das große mit dem Sammelbegriff AI versehene Gebiet an Bedeutung zunehmen wird. Mir fällt da spontan auf operativer Ebene ein bzw. auf, dass bei den bereits vorhandenen Lösungen zur automatisierten Detektion suspekter Areale die Implementierung in das RIS, und damit in die Befunderstellung, immer wieder ungenügend ist. Aus meiner Sicht wird es daher für die nahe Zukunft wichtig sein, dass diese Softwarelösungen mit dem PACS und dem RIS eine Einheit bilden. Denn nur dann ist eine sinnvolle und effiziente Unterstützung des Radiologen möglich.